Die Schülerin Naomi erzählt, wie sie damals aula an ihrer Schule eingeführt hat.
Vor jetzt fast 10 Jahren hat Naomi aula als Projekt an ihrer Schule eingeführt. Sie wollte mehr mitbestimmen, sich mehr einbringen und ihre Schule gestalten. Antonia aus unserem aula-Team hat sich mit ihr während der Sommerferien getroffen.
Heute studiert Naomi Jura und aula ist an 90 Schulen in 13 Bundesländern eingeführt. Zu dem Zeitpunkt als Naomi Kontakt mit dem aula-Team aufgenommen hat, war aula noch ein Projekt von Politik Digital und unsere Pilotphase gerade abgeschlossen war. Im Rahmen unseres Gründungsjubiläums wollten wir zusammen mit unseren Wegbegleiter*innen auf unsere gemeinsamen ersten Erfahrungen zurück blicken.
aula: Hi, verate uns doch einmal wer du bist, was du gerade so machst und warum du einen Bezug zu aula hast?
Naomi: Also ich bin Naomi, ich bin 23, studiere Jura und bin da jetzt in der Vorbereitung für das Staatsexamen. Ich hatte aula in der Schule als Projekt in der SV miteingeführt. Das war vielleicht so 2017.
Ich hatte über aula in einem Zeitungsartikel im Tagesspiegel gelesen und wollte immer gern aktiv sein in der Schule und wollte mich irgendwie engagieren und dann gab´s immer die Schülervertretung und da konnte man eigentlich nur reinkommen, wenn man Klassensprecherin war und ich wurde nicht als Klassensprecherin gewählt..
Und dann war ich so, oha, voll ungerecht, hier werden immer nur die ‚coolen‘ Leute gewählt. Und dann hatte ich eben von aula gelesen und dacht mir so, boah ja, das wäre ja voll cool, dann könnte ich auch was machen. Und dann habe ich euch angeschrieben und dann war das aula Team gleich ganz offen und „Ja wir suchen noch Schulen“ und „ja in Berlin haben wir auch noch keine“. Und dann ging es so irgendwie los bei mir an der Schule.
aula: Cool! Du hast es jetzt schon kurz ein bisschen angerissen: Wie war denn Beteiligung damals bei euch? Gab es etwas neben den SV-Strukturen? Noch andere Möglichkeiten wie ihr mitreden konntet?
Naomi: Ich habe meine Schule eigentlich als sehr offen wahrgenommen. z.B. hatten wir so eine Dachterrasse, die wir gemeinsam begrünt haben und so ein Urban Gardening Projekt gemacht haben. Da konnten wir dann auch mitmachen mit irgendwie recycelten Blumenkästen aus irgendwelchen Plastikverpackungen.
Oder es gab AGs, Theater AGs oder Roboter AGs wo wir uns dann irgendwie beteiligen konnten. Aber so richtig, so an der Schule eigenmächtig irgendwas verändern, das war eigentlich nur im Rahmen der Schüler*innenvertretung.
Trotzdem würde ich sagen, das wir als Schule Glück hatten, denn wir hatten eine sehr unterstützende Lehrer*innenschaft und auch unsere Direktorin, war immer sehr offen für Projekte von Schüler*innen. Also es gab dann z.B. von der SV so ‚Beauty Days‘, da konnten wir dann die ganze Schule bunt anmalen oder, ja noch andere Aktionen.
Aber eben in die SV konnte man nur, wenn man Klassensprecher*in war. Es gab prinzipiell die Möglichkeit irgendwie mitzumachen, auch so als ‚SV-externe‘ Person, aber dann konnte man sich auch nicht so gut rechtfertigen vor den Lehrer*innen. Also die SV-Sitzungen waren dann auch während der Unterrichtszeit und dann war das auch schwierig dann zu sagen „ich will da jetzt auch hin“. Dann wurde das immer so ausgelegt als, „ja du willst ja nur nicht lernen“…
aula: War das so sehr exklusiv?
Naomi: Ja total. Und ich wollte da eigentlich schon gerne mitmachen. Aber es gab immer nur die Gelegenheit für zwei Leute in die SV zu gehen aus einer Klasse, und das fand ich irgendwie zu wenig. Und im Nachhinein wirkte es dann auch sehr intransparent oder als ob es so eine krasse Hierarchie war. Wir haben dann auch so bisschen aufgeschaut zu den Leuten in der SV. Waren so „Wow voll krass. Ihr seid Schulsprecher*innen / in der SV und macht hier irgendwie coole Sachen“.
aula: Es ist ja schon ein bisschen her, aber weist du noch wie es abliefals du versucht hast aula an deiner Schule zu starten?
Naomi: Also sehr positiv eigentlich. Ich hatte dann mit aula Kontakt gehabt und hatten uns auch schon mal getroffen, wir haben beschlossen ein Projekt zusammen zu machen und dann bin ich auch Schulsprecherin geworden.
Also hatte ich jetzt auch die Legitimation vor allen zu sprechen und zu sagen: ich will dieses aula einführen, dass alle Schüler*innen auch mitmachen, mitdiskutieren und mitbestimmen können. Und das wurde erst einmal sehr positiv aufgefasst. Viele von denen ich mitbekommen hab, dachten, „ja das klingt irgendwie sehr cool. Das will ich auch machen“.
Also erstmal haben wir mit den ersten aula Schritten begonnen und es in der Schulkonferenz vorgestellt. Und da gab es dann dort erstmals Wiederstände, weil einige Eltern oder die Lehrkräfte besorgt waren. Das aula direkt demokratisch sei, dass dies ja gegen das Grundgesetz verstoße und somit verfassungswidrig sei, wenn alle Schüler*innen direkt mitbestimmen wollen. Es stand dann die Frage im Raum, ob das überhaupt eine ‚gute‘ demokratische Praxis sei, wenn alle Schüler*innen einfach selber mitbestimmen können ohne, dass es Vertreter*innen gibt, die von der Mehrheit gewählt sind.
Diese Widerstände und Ängste konnten wir dann auflösen und besprechen und dann konnten wir, abgestimmt in der Schulkonferenz, in die Testphase starten.
aula: Wie lange ging diese Testphase?
Naomi: ein Jahr
aula: Habt ihr aula dann mit der ganzen Schule getestet?
Naomi: Ja
aula: Wie ging es dann weiter? Wie war so die Stimmung?
Naomi: Also wie das bei allen Schüler*innen war, weiß ich nicht, und ich weiß auch nicht, ob es dann wirklich funktioniert hatte, dass alle einen Zugang bekommen haben. Aber wir hatten auf jeden Fall Moderations-Teams, die den Klassen alles zur Plattform gezeigt haben. Dafür waren wir im Computerraum und haben ihre Zugänge eingerichtet. Dann wurde auch direkt einiges gepostet. Ich glaube erstmal waren alle so ein bisschen irritiert „hä, was ist das jetzt für ein Tool und was können wir damit machen?!
aula: Erinnerst du dich an eine wilde Idee, die dir im Gedächtnis geblieben ist?
Naomi: Ja, also ein Politikum war immer, dass wir in den Pausen nicht raus durften aus der Schule, aber es gab bei uns auch keine Mensa oder so. Also eigentlich war unsere Schule auch eine Ganztagsschule, denn wir hatten manchmal bis 17 Uhr Unterricht oder mindestens bis 15 Uhr. Aber halt eigentlich keine Möglichkeit für ein Mittagessen. Zu dem Zeitpunkt stand es den größeren, älteren Mitschüler*innen zu in der großen Pause rauszugehen, um sich etwas zu kaufen. Für die jüngeren Klassen war das nicht erlaubt. Und da gab es dann Beiträge dazu, dass das für alle erlaubt sei sollte.
Dann gab es noch ein Projekt für die Einführung von einer Mensa oder Cafeteria und auch für nachhaltiges Essen und auch vegetarisch. Aber ich glaube es ist nie irgendwas davon umgesetzt worden.
aula: Und wie ging es an deiner Schule dann weiter?
Naomi: Es hatte sich dann auch so ein kleines Team gebildet mit Leuten, die aula mitgetragen haben und dann wurde das auch von einigen Lehrer*innen unterstützt. Sie haben es z.B. in ihren Klassen angewendet. Das war irgendwie ganz cool. Und es war sehr bestärkend so zu sehen, dass dann andere Schüler*innen auch voll begeistert waren „ja ich will das mit unterstützen, das klingt voll cool, lass es das mal den anderen zeigen, wie das funktioniert“.
Aber ich glaube, es war dann auch nur für dieses eine Schuljahr. Und danach wurde es es nicht weitergeführt. Vielleicht war auch ein bisschen ein Problem, dass es als erstes nicht aus dem Kollegium oder von der Schulleitung vorgestellt wurde, sondern halt von Schülerinnen und Schülern. Und es ist auch schon so große Schule und dann haben glaube ich im Schulalltag gar nicht alle gewusst, dass es das gibt.
aula: Es braucht auch so seine Zeit, bis es sich etabliert. Wenn du jetzt zurückblickst und dich erinnerst, gab es irgendwas, was dich so überrascht hat?
Oder gibt es etwas, was dein heutiges Ich anders einschätzt als du es damals eingeschätzt hast?
Naomi: Also rückblickend hatte ich in der Schule tatsächlich mehr ein Gefühl von Selbstwirksamkeit oder auch, dass die Lehrkräfte uns unterstützen. Eine Schule ist, im Vergleich zur Universität, einfach kein anonymer Ort. So geht es mir jetzt jedenfalls. Ich weiß gar nicht so wirklich, wer mit mir studiert. Es gibt kaum persönlichen Kontakt zu den Professor*innen und wenn ich dann zurück denke, merke ich, dass es etwas besonderes war, dass wir mitbestimmen konnten. Einfach auf dem Schulgelände etwas anpflanzen oder anmalen. Ein Sommerfest mitgestalten. Ja, alles war vielleicht einfach ein bisschen niederschwelliger um sich zu beteiligen.
Gerade von der Uni hätte ich halt gedacht, das sie so ein freier Ort, da sind alle so ein bisschen älter und bringen sich mehr ein. Und ja, es gibt auch super viel Engagement und viele kleine Gruppen und AGs und so. Vielleicht ist es auch meine Erfahrung aus dem Jura Studium, dass alle so auf ihr Staatsexamen fokussiert sind und nicht so könnten wie sie wollen.
aula: Hast du das Gefühl, dass deine ganze Erfahrung mit aula, dein Blick auf Mitbestimmung und Demokratie geändert hat? Und wenn ja, wie?
Naomi: Also für mich war es sehr bestärkend diese Erfahrung zu machen, dass wenn ich mich einbringe, auch wirklich etwas verändern kann. Und das ich auch andere Mitschüler*innen und Lehrkräfte mit an Board holen kann. Zu merken, dass ich nicht allein mit meinen Ansichten bin. Und ja, zu merken ich hab schon auch einen Handlungsspielraum und ich kann mich einbringen und es macht einen Unterschied, ob ich mich Einsätze oder nicht. Ja, ich glaube ich kann schon sagen, es hat für mich schon einen Unterschied gemacht.
Und dass die Demokratie halt Demokrat*innen braucht und wir ja die Demokratie eigentlich sind. Also wir nicht einfach erwarten können, dass andere was für uns machen, sondern wir selber proaktiv handeln müssen. Ich glaube, das habe ich da schon sehr gelernt. Also auch durch meine Rolle in der SV und weil es viele Vorbilder gab bei mir in der Schule und andere, die irgendwie coole Sachen gemacht haben, wo ich voll zu denen aufgeschaut habe, aber auch von aula. Und es war dann irgendwie sehr unterstützend und niedrigschwellig, dass ich denen nur eine Mail geschrieben habe und dann waren da gleich irgendwelche Erwachsenen da und waren so „ja, voll cool, wir machen das mit dir. Voll die gute Idee!“. Und ich war so „Was passiert hier jetzt?“
aula : Was würdest du den Schüler*innen der Zukunft wünschen?
Naomi: Ich wünsche ihnen eigentlich, dass es keine Noten mehr gibt, und dass alle das lernen können, für das sie sich interessieren. Ich glaube Noten verhindern eher, dass wir uns mit etwas beschäftigen, das uns interessiert und wirklich gut lernen können. Das negative Feedback, führt eher daszu, dass es die Schüler*innen hemmt als motiviert.. Und, dass sie Schule auch wirklich aktiv mitgestalten können. Die Dinge die ihnen selber wichtig sind. Es geht nicht nur darum, Stoff zu lernen, schnell zu studieren und dann direkt in den Job zu starten. Es geht um Freiheit. Um die Frage: Was gibt es eigentlich noch außerhalb von Institutionen im Leben? Und darum, dass junge Menschen in ihren Anliegen wirklich unterstützt werden. Genau dafür gibt es Dinge wie aula. Die Schule als Ort, den sie selbst gestalten können, mit dem und für das, was ihnen wichtig ist.
Hinweis aus der Redaktion. Das Interview wurde auf der Tonspur aufgenommen und dann redaktionell auf Lesbarkeit angepasst.
Das Besondere an Naomis Geschichte? Sie war damals Schülerin, hatte von aula gehört und selbst die Initiative ergriffen: Sie schrieb uns eine E-Mail. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Und doch zeigt sich in mehr als zehn Jahren aula immer wieder: Naomi ist damit nicht allein.
Immer mehr Schüler*innen werden zu Gestalter*innen ihrer eigenen Lebenswelt und unserer Gesellschaft. Das macht uns Mut. Möglich wird das auch, weil immer mehr Menschen von aula und unserer Arbeit erfahren.
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